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Scharnebeck: Alle Jahre wieder die „giftige Schöne“

Pressemeldung vom 18. Juli 2011, 15:41 Uhr

So konsequent wie Jäger vor der gefährlichen Zeckenplage und dem Fuchs-Bandwurm warnen, warnt der Arbeitskreis Kreuzkraut e.V. vor einer schönen, aber hochgiftigen Blume, dem Jakobskreuzkraut. Jetzt leuchten ihre gelben Blütendolden wieder an Straßenrändern und Bahnschienen, auf Brachflächen, Weideland und an Feldrainen. Besonders auffällig sind sie als letzte hohe Pflanzen auf abgegrasten Pferdeweiden.
Nachdem in früheren Jahren die Kreuzkräuter unauffällige Pflanzen zwischen anderen waren, haben sie sich im letzten Jahrzehnt mit großem Tempo auf der ganzen Erde vermehrt. Das genügsame Kraut kommt besser als andere Pflanzen mit dem Klimawandel (Hitze und Dürre) klar und wurde zudem durch Beimengungen im Saatgut für Grünbrachen und Straßenränder im Übermaß verbreitet. Vier Arten kommen in unserer Region vor: 1: Das Gemeine Kreuzkraut – es wächst bevorzugt in Gemüseanpflanzungen und wurde 2009 durch den Rucola-Skandal bekannt, als Blätter dieses Unkrautes in Rucola-Salat-Packungen auftauchten. 2: das Frühlingskreuzkraut, das bereits im Mai blüht, 3: das schmalblättrige Kreuzkraut, das kugelige Büsche bildet und aus Afrika als Neozyth eingeschleppt wurde, 4: das Jakobskreuzkraut, bis zu 1,50 Meter hoch, mit ein bis 8 Blütenständen, am weitesten verbreitet.
Alle Kreuzkräuter sind in allen Pflanzenteilen giftig, da sie Pyrrolizidin-Alkaloide enthalten, die Leberkrebs, begleitet von anderen Krankheitssymptomen, verursachen und zum qualvollen Tode führen können – es sind schon viele Todesfälle bei Pferden nachgewiesen, die Dunkelziffer liegt aber vermutlich noch weitaus höher. Wer behauptet „Die Tiere fressen das nicht,“ irrt leider gewaltig – junge oder im Heu getrocknete Pflanzen sind zwar giftig, haben aber keinen schlechten Geschmack und werden also gefressen. Solange genug anderes Grün zu finden ist, meiden die Tiere das Kraut mit dem starken Eigengeschmack. Aber wenn das Futter knapp wird, gehen sie auch daran. Außerdem heften sich die kleinen Flugsamen, das Giftigste an der ganzen Pflanze, an das Gras und werden so mitgefressen. Da eine Pflanze bis zu 150.000 Samen bilden kann und diese bis zu 70 Meter weit fliegen, ist diese Gefahr nicht zu unterschätzen.

Karin-Ose Röckseisen, 2. Vorsitzende des Arbeitskreises Kreuzkraut, der sich Deutschland weit für die Eindämmung der von vielen unterschätzten giftigen Pflanze einsetzt, ist seit drei Jahren in ihrer Heimatgemeinde Scharnebeck unermüdlich unterwegs, um die Jakobskreuzkräuter auf öffentlichen Flächen mit Wurzeln auszureißen. Sicheres Erkennungszeichen für fast alle Kreuzkräuter, so Röckseisen, seien die 13 Blütenblätter in einfacher Reihe um die kleinen gelben Korbblüten an den Dolden – nur das gemeine Kreuzkraut habe knopfförmige Blüten. Sie warnt vor Flächenspritzungen mit den chemischen Keulen Simplex oder Roundup, die nur bei übermächtigen Vorkommen nötig seien, sondern rät zur selektiven Bekämpfung durch Ausgraben oder Ausreißen (Handschuhe anziehen!) mitsamt Wurzeln oder Bestreichen einzelner Kreuzkräuter mit dem Pinsel oder der Handspritze kurz vor der Blüte Ende Juni. In voller Blüte ausgerissene Pflanzen müssen als Restmüll entsorgt werden, da sie notreife Samen bilden, die für weitere Verbreitung sorgen. Kompostierung oder Mulchen komme nur bei Pflanzen vor der Blüte in Frage, weil die winzigen Samen erst bei mehr als 60 Grad Celsius absterben und ansonsten 20 Jahre keimfähig bleiben. Verbrennen oder Restmüll, unter Umständen auch Biogasanlagen, seien die sichersten Möglichkeiten.
Aber was tun, wenn man selbst mühsam die Kreuzkräuter auf der eigenen Fläche beseitigt und immer wieder neue Samen aus der Nachbarschaft herüberwehen? Öffentliche Eigentümer von Flächen, die mit Kreuzkraut befallen sind, z.B. Straßenränder oder Grünflächen im Besitz von Gemeinden, Landkreisen, Land oder Bund, können angesprochen werden und sind in Niedersachsen verpflichtet, für Abhilfe zu sorgen. Die Straßenbehörde des Landkreises Lüneburg sorgt zum Beispiel seit einigen Jahren vorbildlich durch rechtzeitiges Mähen der Straßenränder dafür, dass dieser Verbreitungspfad der Pflanze eingeschränkt wird. Schlechte Karten, so Röckseisen, habe man nach wie vor bei Privateigentümern, da es in Deutschland noch keine gesetzlichen Regelungen für Beseitigung oder Meldepflicht gebe wie z.B. in der Schweiz.
Einige Ratschläge hält Karin-Ose Röckseisen für besorgte Weidetierhalter, insbesondere Pferdehalter, bereit: Auf den eigenen Weiden regelmäßige Kontrollgänge machen, außerdem möglichst im Umkreis von mindestens 70 Metern die Jakobskreuzkräuter beseitigen. Bei Heu-Kauf eine Gewährleistung fordern, dass kein Kreuzkraut enthalten sei.

Umfangreiche Informationen gibt es auf der Homepage des gemeinnützigen Vereins unter www.ak-kreuzkraut.de, telefonisch unter 04136-910077 und über e-mail roeckseisen@ak-kreuzkraut.de. Auch Hilfe beim Bestimmen verdächtiger Pflanzen wird angeboten durch Fotos per e-mail oder Zusenden von Pflanzenteilen per Post. Außerdem vermittelt der Verein chemische Analysen bei dem einzigen Speziallabor in Deutschland, dem Pharmazeutischen Institut der Universität Bonn. Vor ihrer Haustür (Am Hang 9 in Scharnebeck) hat Karin-Ose Röckseisen einige Pflanzen als Anschauungsmaterial ausgestellt und Informationsblätter zum Mitnehmen ausgehängt.
Leider keine zuverlässige Hilfe für die Tierhalter sind die schwarz-orange gestreiften Raupen, die sich auf manchen Kreuzkräutern finden. Sie sind die einzigen bisher bekannten natürlichen Helfer bei der Bekämpfung des giftigen Krautes – ähnlich wie Marienkäfer gegen Blattläuse. Sie stammen vom hübschen schwarz-roten Falter Thyria jacobaea (auf Deutsch Blutbär genannt), der seine Eier in den Blütenständen des Kreuzkrautes ablegt. Diese Raupen sind auf Kreuzkräuter als Nahrung spezialisiert und durchaus in der Lage, eine Pflanze bis auf einen Stängelstumpf abzufressen und so eine Verbreitung der unzähligen Flugsamen einzudämmen. Da sie genauso giftig sind wie ihre Wirtspflanze, tragen sie ihre auffällige Warnfärbung, ähnlich wie die Wespe.

Quelle: Gemeinde Scharnebeck

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