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Region Hannover: Zentraler Lern- und Erinnerungsort für die Region Hannover

Pressemeldung vom 28. Juli 2014, 10:19 Uhr

Neue Gedenkstätte Ahlem steht Besucherinnen und Besuchern offen

Region Hannover. Nach 15 Monaten Bauzeit feierlich eröffnet: Die neue Gedenkstätte Ahlem steht seit heute (25. Juli) für Besucherinnen und Besucher offen. Regionspräsident Hauke Jagau, Architekt Roger Ahrens, Barbara Traub vom Zentralrat der Juden in Deutschland sowie Manfred Böhmer vom Niedersächsischen Verband deutscher Sintischnitten im Beisein von rund 400 geladenen Gästen sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus dem In- und Ausland das symbolische Band durch und luden zu einem Rundgang durch die neuen Ausstellungsräume und den Außenbereich ein.

Stefan Schostok, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover, Barbara Traub vom Zentralrat der Juden in Deutschland und Manfred Böhmer vom Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti sprachen Grußworte. Der Historiker Prof. Dr. Peter Longerichgab seinenGedanken zur Neueröffnung der Gedenkstätte Ahlem in einem Vortrag mit dem Titel „Geschichte und Erinnerung“ Ausdruck. Der feierliche Empfang mit koscheren Speisen wurde musikalisch begleitet von Andor Izsák, Gitanes Blondes, Di Finkelstein Kapelye sowie Bogdan Dragus. Zu Gast war auch eine Delegation, die mit Landrat MotiDotan aus Unter Galiläa,dem Partnerkreis der Region Hannover, angereist ist.

„Die Gedenkstätte Ahlem soll ein Erinnerungsort sein für die 2.946Menschen, für die Ahlem eine Station auf dem Weg in den Tod war. Sie soll aber auch ein außerschulischer Lern- und Informationsort für die nachwachsenden Generationen sein“, erklärte Regionspräsident Hauke Jagau bei der Eröffnung. „Die Geschehnisse während der Zeit des Nationalsozialismus dürfen niemals vergessen oder verdrängt werden, sie müssen als Mahnung auch kommenden Generationen im Bewusstsein bleiben“, betonte Oberbürgermeister Stefan Schostok in seinem Grußwort.

„Die Gedenkstätte Ahlem ist künftig in einem Zug zu nennen mit dem ‚Braunen Haus‘ in München, mit dem EL-DE-Haus in Köln oder Einrichtungen wie dem Centre d’Histoire de la Résistance et de la Déportation (CHRD) in Lyon“, sagte Barbara Traub vom Zentralrat der Juden in Deutschland.

Ansprachen gab es außerdem von der Zeitzeugin Gerda Steinfeld sowie von dem Zeitzeugen Ernest Wertheim. Bis zu ihrer Deportation in das Konzentrationslager (KZ) Theresienstadt im Juni 1932 hatte Gerda Steinfeld vom Winter 1941 bis zur Schließung im Sommer 1942 die Schule in Ahlem besucht. Nach ihrer Befreiung aus dem KZ war sie nach Hannover zurückgekehrt und hatte die Zeit erlebt, in der auf dem Gelände ein Kibbuz „Zur Befreiung“ eingerichtet wurde. In den 1950er Jahren war Gerda Steinfeld nach Israel ausgewandert, wo sie heute lebt.

Ernest Wertheim war von 1934 bis 1937 Gärtnerlehrling in der Israelitischen Gartenbauschule; diese Zeit prägte auch seinen beruflichen Werdegang. Ihmgelangdie Emigration in die USA, wo er durch sein Wissen im Gartenbau beruflich Karriere machte. Ernest Wertheim gilt heute als der „Erfinder des Gartencenters“ und hält noch immerweltweit Vorträge über Gartenbau und sein bewegendes Leben.

Die neue Gedenkstätte

Auf dem Gelände der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule ist ein Informations-, Bildungs- und Gedenkzentrumentstanden, dessen Strahlkraft weit über die Grenzen der Region Hannover hinausreicht. Das Besondere des Ortes liegt darin begründet, dass er von jüdischer Kultur und Hoffnung, aber auch von Verbrechen und Vernichtung zu berichten weiß: Von 1893 an wurden an der Heisterbergallee jüdische Jungen und Mädchen in Gartenbau und Handwerksberufen ausgebildet. Dann kamen 1941 die Nazis und missbrauchten den Ort als Sammelstelle für Deportationen. Ab 1943 waren Folter – später Morde – in dem „Polizei-Ersatzgefängnis“ für Zwangsarbeiter, politische Häftlinge, Sinti und Roma bis zur Befreiung blutiger Alltag. Die neue Gedenkstätte macht das eine wie das andere Kapitel der Geschichte sichtbar.

Umbau und Neugestaltung

In einem europaweit ausgeschriebenen Wettbewerb für die Neugestaltung der Gedenkstätte hatte die Arbeitsgemeinschaft Ahrens Grabenhorst Architekten, IKON Ausstellungsgestaltung und Landschaftsarchitekt Marcus Cordes (chora blau) für ihren Entwurf 2011 den ersten Preis zugesprochen bekommen. „Uns war es wichtig, dass sich die bewegte Geschichte der Gartenbauschule mit all ihren Brüchen auch in der Architektur spiegelt“, so Architekt Roger Ahrens. Nach seinen Plänen wurde das ehemalige Direktorenhaus an der Heisterbergallee kernsaniert und ausgebaut.

Ein neues Eingangsgebäude ist entstanden, dessen gläsernes Foyer den Blick auf den Außenbereich der Anlage lenkt. Dieser nimmt in seiner Gestaltung Bezug auf den alten Schulgarten. Er wurde vom Landschaftsarchitekten Marcus Cordes gestaltet:“Mit der Überlagerung und Durchdringung der in das Parkgrundstück integrierten Schulgartenstrukturen sowie den als Rasenschneisen ausgebildeten Fluchtlinien wird die für die Geschichte dieses Ortes so bezeichnende Ambivalenz hervorgehoben.“Ein Weg parallel zur Heisterbergallee verbindet die unterschiedlichen Bereiche der Dokumentations- und Gedenkstätte miteinander.
Bei den Umbauarbeiten wurden im Treppenhaus des Gebäudes alte Wandmalereien entdeckt, die nach historischem Vorbild wiederhergestellt werden konnten. „Diese überraschende Kostbarkeit wollten wir gern bewahren“, berichtet Gedenkstättenleiterin Stefanie Burmeister. Im 2. Obergeschoss des Gebäudes wurden im Zuge der Arbeiten außerdem Säulen freigelegt und in das neue Raumkonzept integriert.

Die Kosten für die Umgestaltung der Gedenkstätte Ahlem belaufen sich auf rund 6,3 Millionen Euro, die von der Region Hannover getragen werden. Förderpartner der Umgestaltung sind der Förderverein der Gedenkstätte Ahlem e. V., die Sparkasse Hannover, das Land Niedersachsen, der enercity-Fonds proKlima, die Stiftung Niedersachsen, die Landwirtschaftskammer Niedersachsen sowie die Klosterkammer Hannover.

Ausstellung und pädagogisches Konzept

Für den denkmalgeschützten Altbau hat ein Team aus Historikerinnen und Historikern, Politologinnen und Politologen, Pädagoginnen und Pädagogen sowie die Firma IKON Ausstellungsgestaltung ein neues Ausstellungkonzept erarbeitet.Ausstellungsmacherin Martina Scheitenberger: „Die Ausstellungsarchitektur interpretiert die verschiedenen Zeitschichten der Israelitischen Gartenbauschule und macht sie lesbar.“

Die Wände der knapp 400 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche sind in gedecktem Blau und Beige gestrichen und mit Texten, Fotos sowie Bildschirmen versehen worden. Auf ihnen sind Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu sehen. Informationsstelen geben ebenfalls Auskunft zu einzelnen Aspekten der Ausstellung.

Im ersten Obergeschoss der Ausstellung liegt der Fokus auf Verfolgung und Ausgrenzung während des Nationalsozialismus in Ahlem. Das zweite Obergeschoss ist dem deutsch-jüdischen Leben in der von dem Bankier Moritz Simon gegründeten Gartenbauschule gewidmet. Dieser Bereich stellt die Geschichte in den Jahren von 1893 bis 1942 und nach der Befreiung 1945 dar. Im Dachgeschoss befinden sich modern ausgestattete Seminarräume. Im Sockelgeschoss des Neubaus bietet ein VeranstaltungsraumPlatz fürLesungen, Sonderausstellungenund Zeitzeugengespräche. Im Erdgeschoss befindet sich eine Mediathek.

„Wir freuen uns auf interessierte und aktiv forschende Besucherinnen und Besucher, denen wir unsere Dokumente mit modernen Medien zugänglich machen möchten“, erklärt Stefanie Burmeister. „Fragen, entdecken, verstehen“, so das Motto des pädagogischen Angebots, das von kurzen Führungen über mehrtägige Workshops bis hin zu langfristigen Projekten reicht. Ein Team von Pädagoginnen und Pädagogen steht Schulklassen und -gruppen ebenso wie Lehrkräften ab dem Schuljahr 2014/2015 zur Seite, begleitet sie durch die Räumlichkeiten und beantwortet Fragen.

Quelle: Region Hannover

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