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Region Hannover: Einzige Schule mit Förderschwerpunkt Hören in der Region Hannover

Pressemeldung vom 22. Juli 2014, 08:13 Uhr

In der ersten Reihe: Hartwig-Claußen-Schule blickt auf 100 Jahre Unterricht für hörgeschädigte Kinder zurück

Hannover-Südstadt – Was mit einer einzigen Klasse für hörgeschädigte Kinder begann, ist heute ein modernes Förderzentrum mit unterschiedlichen Abschlussmöglichkeiten und mobilem Dienst: Die Hartwig-Claußen-Schule am Altenbekener Damm feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Die Schule in Trägerschaft der Region Hannover ist regionsweit die einzige Bildungseinrichtung für Kinder, die Laute, Geräusche und Töne nur eingeschränkt wahrnehmen und verarbeiten können. Am Montag (21.7.) wurde die Jubiläums-Woche mit Trommelwirbel und Grußworten eröffnet.

„Wissen wird in der Schule vor allem durch gesprochene Sprache vermittelt. Hörgeschädigte haben daher oft kaum eine Chance, dem Unterricht an Regelschulen zu folgen“, so Regionspräsident Hauke Jagau. „Umso wichtiger ist daher das jahrzehntelange Engagement der Hartwig-Claußen-Schule, hörgeschädigte Kinder so individuell wie möglich zu fördern, um ihnen die Chance auf einen Schulabschluss und damit die Integration in das gesellschaftliche Leben zu eröffnen. In diesem Sinne begrüße ich ausdrücklich, dass die Schule ab dem Sommer auch einen Realschulzweig anbieten will.“ Zum Jubiläum übergab der Regionspräsident der Hartwig-Claußen-Schule drei Geschenkgutscheine über je 100 Euro für einen Aufenthalt im Schullandheim Nieblum auf der Insel Föhr.

„Die Hartwig-Claußen-Schule arbeitet wie im Fußball mit Standbein und Spielbein“, so Schulleiter Joachim Budke. „In unserer Schule fördern wir in 16 Klassen rund 120 Kinder und Jugendliche mit Hörschädigung, außerhalb der Schule berät unser Mobiler Dienst an allgemein bildenden Schulen derzeit weitere 165 hörbeeinträchtigte Schülerinnen und Schüler. Diese Zahl wird im neuen Schuljahr voraussichtlich auf 200 anwachsen. Damit steigt die Inklusionsrate für den Förderschwerpunkt Hören in der Region Hannover auf deutlich über 60 Prozent. Ein aus unserer Sicht gutes Signal im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention.“

Ostern 1914 gilt als Gründungsdatum der Schule, als eine erste Klasse für schwerhörige Kinder als Keimzelle einer Schwerhörigenschule eröffnet wurde. Anfangs ging man davon aus, dass der Besuch der Klasse für Schwerhörige nur vorübergehend ist – so lange, bis die Kinder in der Lage sind, an dem Unterricht an der regulären Volksschule teilzunehmen. Zehn Jahre später war die Schule schon auf fünf Klassen angewachsen, kurz darauf folgte die Einsicht, dass die Beeinträchtigung der Kinder eine eigene Unterrichtsform erfordert. Ende der 1920er Jahre war die Schwerhörigenschule Hannover als eigener Schulzweig neben der Gehörlosen- und Volksschule amtlich anerkannt.

Wo genau die Schule in ihrer Gründerzeit gelegen hat, darüber finden sich in den Archiven keine Belege mehr. Im Zweiten Weltkrieg befand sich die Schule in Hannovers Altstadt, wo sie 1943 durch einen Luftangriff zerstört wurde – mit dem Gebäude sind nahezu alle Unterlagen über die Anfangsjahre verbrannt. Die schwerhörigen Kinder besuchten in der Folge reguläre Volksschulen, wurden später mit Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf im Bereich Sprache in einzelnen Klassen zusammengefasst.

So etwas wie einen Neustart erlebte die damals so genannte „Sonderschule für Schwerhörige und Sprachkranke“ im Jahr 1956, als sie in einen Neubau wieder in Hannovers Altstadt bezieht, den sie sich fortan mit der neu gegründeten „Volksschule Am Hohen Ufer“ teilt. 1969 trennte sich der Sprachheilzweig von der Schwerhörigenschule ab – es entstand die auch heute noch bestehende Albert-Liebmann-Schule mit dem Förderschwerpunkt Sprache, damals in der Rumannstraße.

Ein wesentlicher pädagogischer Fortschritt war in den 1970er die Ausgliederung des siebten bis zehnten Jahrgangs in das Schulzentrum Badenstedt. Damit verfolgte die Schule das Ziel, hörbehinderte Schülerinnen und Schüler durch den Kontakt in Pausen oder schulübergreifenden Veranstaltungen mit nicht behinderten Jugendlichen zusammenzubringen. Teilweise gelang auch die Integration in Regelklassen. Das erfolgreiche Modell fand 1988 ihr Ende: Die Oberstufe zog aufgrund abnehmender Schülerzahlen in das Gebäude Am Hohen Ufer zurück – besuchten Anfang der 1980er knapp 200 Schülerinnen und Schüler die Schwerhörigenschule, waren es zehn Jahre später noch rund 70. Der organisatorische Aufwand, die wenigen Lehrkräfte des Kollegiums an zwei Standorten einzusetzen, war zu hoch geworden.

Das Jahr 2006 markiert den nächsten großen Umbruch: Die Schwerhörigenschule zieht zusammen mit einer Sehbehindertenschule – der Franz-Mersi-Schule – in ein gemeinsames Gebäude am Altenbekener Damm. Im gleichen Jahr benannte sich die Schule nach dem Hamburger Professor Hartwig Claußen, der durch seine Persönlichkeit und Lehre das Schwerhörigenbildungswesen in Niedersachsen beeinflusste und viele Lehrkräfte prägte – wie auch Joachim Budke, der seit 2013 die Schule leitet.

Derzeit werden 120 Kinder und Jugendliche aus der gesamten Region Hannover und den angrenzenden Landkreisen täglich in die Schule am Altenbekener Damm unterrichtet. Weitere 165 werden von elf speziell ausgebildeten Lehrkräften im so genannten mobilen Dienst betreut. Das heißt, die Lehrerinnen und Lehrer stehen schwerhörigen Schülerinnen und Schülern zur Seite, die auf Wunsch ihrer Eltern inklusiv in Regelschulen unterrichtet werden. Bei den regelmäßigen Besuchen beraten die Pädagogen auch über die besonderen Bedürfnisse von hörgeschädigten Kindern. So kann zum Beispiel eine bessere Raumakustik in Klassenräumen wesentlich die Verständigung fördern.

„Bei uns sitzen die Schülerinnen und Schüler immer in der ersten Reihe“, erläutert Schulleiter Joachim Budke die Besonderheiten des Unterrichts in der Hartwig-Claußen-Schule. „Unser Ansatz ist, in den Klassen mit klarer Aussprache zu kommunizieren, der Blick auf den Mund der Lehrerinnen und Lehrer erleichtert dabei das Verstehen.“ Damit die bis zu zwölf Kinder und Jugendlichen pro Klasse eine uneingeschränkte Sicht haben, sitzen sie meist im Halbkreis um die Lehrkraft herum. „Wenn es nötig ist, setzen wir auch Gebärdensprache ein“, so Budke. Elektroakustische Hörhilfen, Computer, audiovisuelle Medien und eine schuleigene pädagogische Audiologie unterstützen den Unterricht.

Während anfangs die damalige Schwerhörigenschule davon ausgegangen war, die Kinder nur vorübergehend zu fördern und danach an Regelschulen zu überführen, besuchen heute die meisten Schülerinnen und Schüler die Hartwig-Claußen-Schule von der ersten Klasse bis zum Abschluss nach neunter oder zehnter Klasse. Dementsprechend eng ist auch ihre Bindung zur Schule.

Der 100. Geburtstag wird mit einer ganzen Festwoche begangen – mit viel Rhythmus, lauter Musik und ansprechendem Theater. Bis Freitag, 25. Juli, entsteht unter Anleitung des Mitmachzirkus ZappZarap eine ganze Zirkusaufführung, die für Eltern, Freunde und Wegbegleiter aufgeführt wird – nach einer Feierstunde mit Grußworten zahlreicher Gäste und einem Festvortag. „Wir freuen uns auf die Woche und sind gespannt, was da entsteht“, sagt Joachim Budke.

Quelle: Region Hannover / Team Kommunikation

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